Die Pferde – Teil meines Lebens -
Teil meiner Herausforderungen
Mit sechs Jahren bekam ich einen Gutschein für Reitstunden geschenkt – und ab diesem Moment war es um mich geschehen. Über Jahre hinweg tanzte ich Ballett und spielte Geige, sogar im Orchester, aber irgendwann setzte sich das Reiten durch. Tutu und Violine traten in den Hintergrund, der Geruch von Heu und Leder wurde zum festen Bestandteil meines Lebens.
Schon damals war mein Kampfgeist nicht zu übersehen. Ob es darum ging, ein Pflegepferd zu ergattern oder irgendwelche Stall-Hürden zu meistern – ich habe mich durchgebissen. 2019 wagte ich mit Mut, Wille und dem Herz einer Macherin den Schritt in die Selbständigkeit und baute meinen kleinen, feinen Pensions- und Handelsstall „Stall Bijoux“ auf.

Oft denke ich darüber nach, dass es eigentlich ein Privileg ist, Pferde zu besitzen und Pferdesport betreiben zu können. Dennoch - dieses Privileg hat mein Leben geprägt – und zwar nicht immer nur positiv. Wegen der Pferde gab es oft Kämpfe und Hürden, die ich sonst vielleicht nie erlebt hätte. Sie haben mir vieles schwer gemacht, mich aber auch vieles gelehrt. Allen voran Verantwortung: Pferde können nicht sagen, wenn etwas nicht stimmt. Sie können nicht erklären, wenn es ihnen nicht gut geht oder etwas fehlt. Es liegt an uns, ihre Zeichen zu lesen und im besten Sinne für sie zu handeln.
Früher noch ehrgeizig im Sport unterwegs, geniesse ich es heute, gemütlich mit der Kutsche durch den Wald oder die Natur zu fahren. Meine Gedanken kann ich nie ganz abschalten – es ist ein Fluch und Segen zugleich. Oft kommen mir aber in diesen Momenten die besten Ideen – diese Geistesblitze, die wie kleine Lichtkegel neue Zusammenhänge sichtbar machen oder mir zeigen, wie ich etwas anders angehen kann. Mein Pferd Weasley, alias Werni, ist seit über 22 Jahren mein treuer Begleiter. Ausser meiner Familie hat mich wohl niemand durch so viele Höhen und Tiefen begleitet. Deshalb ist es für mich keine Frage, sondern eine Pflicht, dafür zu sorgen, dass es ihm gut geht und er sich wohlfühlt.

Neben Werni zählt auch Hassan, alias Sky, ein Freibergerwallach, zu meinen Pferden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn eigentlich nur für das Kutschenfahrbrevet „mieten“ wollte. Damals sagte ich beim Verladen noch:
„Aber in drei Monaten bringe ich ihn dann wieder zurück, gäll!“ Nun ja – man kann sich denken, wie die Geschichte ausging. Heute steht er jedenfalls immer noch bei mir.
Eigentlich entspricht er so gar nicht meinem damaligen „Wunschpferd“ – ehrgeizig, sportlich vielseitig einsetzbar, vielleicht sogar talentiert in Dressur oder Springen. Stattdessen hat er etwas anderes: einen Charakter, den man einfach gernhaben muss.
Werni begleitet mich nun schon so lange, dass er inzwischen ein stolzes Seniorenalter erreicht hat. Lange habe ich meinen Wunsch nach einem Leben im Ausland oder in einer wärmeren Region auf später verschoben – mit der stillen Vereinbarung, erst zu gehen, wenn er nicht mehr da ist. Nun hat sich in meinem Leben jedoch vieles so gefügt, dass sich der Moment richtig anfühlt, es jetzt zu wagen. Es wird zwar eine zusätzliche Herausforderung, diesen Schritt gemeinsam mit meinen Pferden zu gehen, aber ich glaube fest daran, dass er machbar ist.
Nach meiner vierwöchigen Italienreise, in der ich Eindrücke gesammelt und Orte gesucht habe, die sowohl beruflich als auch für meine Pferde passen könnten, habe ich mich entschieden, den Weg erst einmal ins Tessin zu lenken – dem Süden entgegen - in eine Umgebung, in der sich der Schritt mit den Pferden besser umsetzen lässt.
Und jetzt – Zügel in die Hand und los. Denn manche Wege geht man nicht, weil sie einfach sind, sondern weil sie richtig sind.