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11. Juli 2025 - Volterra / Casole d'Elsa

Volterra, Wein und wilde Pferderennen

Der heutige Tag startete unspektakulär. Ich musste etwas arbeiten – für meine beruflichen Neuorientierung - und habe noch am Blog weitergeschrieben. Schon früh sass ich in einem kleinen Café mitten in Gambassi, umgeben von Park, Vogelgezwitscher und einer handvoll älterer Herren, die sich wahrscheinlich seit jeher jeden Freitag dort treffen. Charmant war’s. Für mehr als einen Blick in die Umgebung reichte die Zeit leider nicht – aber Gambassi ist wirklich sehr idyllisch.

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Zwischen Umbruch und italienischem Stadtpark

Am Mittag ging ich noch einmal kurz zur Unterkunft zurück. Mein Online-Meeting durfte ich im Garten abhalten, denn die Wohnung selbst war bereits für neue Gäste vorbereitet. Aber der Garten war ruhig, das WLAN wackelte sich durch, so passte das wie es war.​

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Nach dem Meeting war es bereits später Nachmittag, so nahm ich direkt Kurs auf Volterra. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen, und mein Magen machte sich inzwischen deutlich bemerkbar. Also gab es in Volterra am Piazza Priori erst einmal eine Stärkung und ich setzte mich in ein Restaurant mit Blick auf den Zunftsvorsteherpalast, bevor ich mich der Stadterkundung widmete.

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Ein Teller voll Herzblut und eine Flasche Wein als Geschenk

Die Kellnerin – nennen wir sie einfach Superwoman in Schürze – verstand ihr Handwerk vom Feinsten. Das Essen – ein Gedicht. Ein echter Gaumenschmaus. Aber es war mehr als das. Mich berührt es immer, wenn nicht Titel, Position oder Status im Vordergrund stehen, sondern der Wunsch, mit Herzblut etwas Besonderes zu schaffen. Genau das ist es, was mich begeistert. Wenn jemand mit echter Hingabe daran arbeitet, dass ein Moment gelingt. Nicht für den Applaus, sondern weil es einem selbst wichtig ist. Ich sass da, genoss diesen Service, das gute Essen und die Sonnenstrahlen, die durch die Gassen fielen – und merkte, wie viel mir genau solche Begegnungen bedeuten. Manchmal spricht man dieselbe Sprache und wird dennoch nicht verstanden – und manchmal braucht es keine Worte, sinnierte ich.

 

Als ich mich verabschiedete, schenkte sie mir eine Flasche Wein. Einfach so. Eine Geste, die mehr sagte als jedes „Grazie“. Vielleicht hatte sie gespürt, wie sehr ich mich über das 'Erlebnis' in diesem Restaurant gefreut hatte. Ich war gerührt. Und obwohl ich keinen Wein trinke – ein kleiner Kulturbanausen-Makel, zugegeben – wird diese Flasche zu Hause einen besonderen Platz bekommen. Nicht wegen des Inhalts, sondern weil sie mir gezeigt hat, warum mich genau solche Momente so begeistern – vielleicht, weil ich selbst für diesen Anspruch brenne: mit Hingabe und Blick fürs Detail etwas schaffen, das Bedeutung hat.

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Nach dieser fast andächtigen Begegnung machte ich mich auf zum nächsten Programmpunkt. Ich stieg den Turm hinauf – schmale Stufen, Geschichte in Stein gemeisselt. Früher waren diese Türme eine Mischung aus Wohnturm und Festung. Oben die Aussicht, wie gemalt. Dieses Städtchen wirkt auf den ersten Blick fast unscheinbar, doch sobald man sich in die Seitengassen verirrt, beginnt es zu leben. Kleine Läden, versteckte Cafés, Menschen, die sich auf den Stufen unterhalten. Kein Ort für Spektakel, sondern einer für Entdeckungen.

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Casole d’Elsa & Palio: Ein Dorf im Ausnahmezustand​​

Langsam wurde es Zeit, den Heimweg nach Roccastrada anzutreten – aber Italien wäre nicht Italien, wenn da nicht plötzlich etwas dazwischenkäme. Mit Musik im Ohr und einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen rollte ich durch die Dämmerung, als plötzlich zwei Carabinieri am Strassenrand standen. Reflexartig griff ich an den Gurt, warf einen Blick auf den Tacho – tutto posto. Ich stoppte kurz, mein Blick scannte die Umgebung. Menschenmengen, Absperrbänder, ein Gewusel wie im Bienenstock. Ich liess das Fenster runter und fragte die Carabinieri, was denn hier los sei. "Palio", antworteten sie stolz und etwas aufgeregt.

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Ich war also zufällig mitten ins Vorprogramm des Palio di Casole d’Elsa geraten – ein traditionsreiches Pferderennen, bei dem die Stadtteile gegeneinander antreten. Das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Ich parkte in einer kleinen Seitenstrasse, folgte der Menge und war plötzlich mittendrin. Die Stadtteile – Contrade genannt – treten hier wie in Siena gegeneinander an. Das ganze Dorf lebt für dieses Spektakel. Jeder trägt stolz das Halstuch seines Viertels. Ein Dorf im Ausnahmezustand.

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Die Finanzierung für Teilnahmegebühren und um die besten Jockeys und Pferde zu ergattern, ist übrigens eine echte Teamleistung. Die einzelnen Contrade organisieren das ganze Jahr über Essen für ihre Leute – gekocht, serviert und organisiert von Freiwilligen und die Bürger des Stadtteils zahlen quasi Eintritt dafür. Die Rennbahn war traumhaft schön, in den Hang gebaut, mit perfektem Blick aufs Geschehen. Gerade waren die Qualifikationsrennen im Gange und ich konnte noch zwei Qualifikationsläufe sehen. Danach spazierte ich noch ein wenig durch die Gassen, während da mit grossem Engagement die letzten Vorbereitungen fürs grosse Essen liefen.​

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Casole d’Elsa hat mich vor allem wegen der Atmosphäre beeindruckt. Es war spannend zu erleben, wie viel Bedeutung die Veranstaltung also dieses Rennen für die Menschen hier hat – wie sehr sich das ganze Dorf damit identifiziert. Umso schöner, dass ich ganz ungeplant genau zum richtigen Zeitpunkt dort ankam. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich unterwegs auf etwas Ungeplantes oder Unterwartetes stosse. Sei es ein Konzert, einen Markt oder ein Fest. Genau solche Momente machen die Reise besonders.

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Bildergalerie zu Volterra

Bildergalerie zu Palio Casole d'Elsa

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