10. Juli 2025 - Lucca / Camporgiano
Lucca die Fahrradstadt und das Abenteuer Camporgiano
Am Morgen lief wieder alles wie am Schnürchen. Direkt beim Bahnhof in Lucca einen Parkplatz gefunden. 50 Meter daneben war auch gleich das Tourismusbüro. Ich wusste genau, was ich wollte, denn Lucca ist bekannt dafür, dass man die mächtige Stadtmauer mit dem Fahrrad befahren kann. Genau deshalb stand für mich fest – ein City Bike muss her!
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Mit Entschlossenheit betrat ich also das Büro und mietete mir ein Bike für drei Stunden. Die Mauer – 4,2 km lang – umschliesst das gesamte historische Zentrum und lässt sich bequem im Kreis abfahren. Ganz anders als in Florenz, wo viele Bereiche für Fahrräder gesperrt sind, kann man sich in Lucca auch innerhalb der Altstadt wunderbar mit dem Fahrrad bewegen.
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„Auf der Mauer können Sie sich nicht verirren“, meinte die Mitarbeiterin mit einem Lächeln. Die klang vielversprechend. Und so ging es auch gleich los. Die Fahrt war eine Wohltat für meine Beine. Einfach herrlich, über das erhöhte Grün zu rollen, die Landschaft zu bestaunen und das gemächliche Leben darunter zu beobachten. Als ich die Runde auf der Mauer beendet hatte, ging es weiter zu den Sehenswürdigkeiten im Zentrum. Auf der Karte war eine Route mit kleinen Pfeilen eingezeichnet, die zu den wichtigsten Monumenten der Stadt führt. Ich startete bei der Basilika San Frediano – noch hatte ich die Orientierung im Griff.
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In der Basilika San Frediano an der Kasse meinte die Verkäuferin, ich könne gerne auch den Turm hochgehen. Meine Augen begannen zu leuchten. Ich hatte es wohl irgendwie mit Türmen. Natürlich wollte ich hoch. Die Beine machten widerwillig mit – inzwischen war ich wohl längst über den Schmerzpunkt hinaus. Die Kirche aussen mit einem goldschimmernden Mosaik und innen mit einem kunstvollen Taufbecken war wunderschön.
Anschliessend machte ich mich auf den Weg zum zum Anfiteatro Platz, ein ursprünglich römisches Amphiteather. Der heutige Platz beindruckt insbesondere durch seine elliptische Form und lädt mit einer wunderbaren Atmosphäre zum Verweilen oder Essen ein. Am liebsten hätte ich gleich hier gegessen, aber war noch auf Fahrrad-Mission und die Mietzeit lief – also folgte ich weiter den Pfeilen.
Naja, folgte ist vielleicht leicht übertrieben. Wenn ich wohl etwas gar nicht kann, dann ist es Fahrradfahren und gleichzeitig Karte lesen. Wie eine leicht betrunkene Touristin schlängelte ich mich durch die Menschenmenge, versuchte, auf die Karte zu schauen, mich nicht zu verirren und gleichzeitig die Stadt zu bewundern. Die Pfeile auf der Karte waren derart winzig, dass ich mich entscheiden musste: Karte lesen und dabei Leute über den Haufen fahren – oder intuitiv weiterrollen.
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Ich entschied mich schliesslich, galant die eine Hand am Lenker, die andere mit mit dem Handy und der Apple Maps in der Luft, durch die Gassen zu gleiten. Lucca ist definitiv eine Fahrradstadt – aber eine, in der man sich gut organisieren muss. Zwischen Fussgängern, Velos und Autos war Gassenakrobatik gefragt.
Trotzdem kam ich gut voran und sah eine Sehenswürdigkeit nach der anderen. Bald war mir aber klar, dass drei Stunden nicht ausreichen werden, vor allem nicht, wenn ich jeden Turm erklimmen will. Also kurzer Anruf beim Tourismusbüro, Verlängerung um eine Stunde und weiter ging’s.
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Vorbei an der Kirche San Pietro kam ich zum Torre Guinigi. Natürlich wollte ich auch dort hoch. Mittlerweile wäre es spannend zu wissen, wie viele Stufen ich in den vergangenen Tagen schon raufgestiegen bin. Oben angekommen, ein kleines Deck mit Bäumen. Ein idyllischer Ort, perfekt für einen kurzen Moment des Innehaltens. Weiter ging’s zur Chiesa di San Giovanni und zum Dom San Martino. Der Uhrenturm durfte natürlich nicht fehlen. Ich muss es wohl nicht mehr erwähnen - aber auch da war ich auf der Aussichtsplattform oben.
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Auf dem Rückweg fuhr ich noch beim 'Cortile degli Svizzeri' vorbei – Teil des alten Herzogspalasts, heute Sitz der Provinzverwaltung. Die gesamte Residenz ist um zwei grosse Höfe herum angelegt, die von zwei Loggien umgeben sind: der Cortile Carrara und der Cortile degli Svizzeri. Der Name 'Cortile degli Swizzeri' hat seinen Ursprung von den Schweizergardisten, die früher die Republik Lucca verteidigten und hier ihr Hauptquartier hatten.
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Zug ins Ungewisse – Camporgiano, ich komme!
Fahrrad zurückgebracht. Es war später Nachmittag und perfekt, um die Fahrt nach Camporgiano nachzuholen. Am Ticketschalter war eine lange Schlange so löste ich mein Ticket am Automaten. Es war ja noch Nachmittag, also wird’s sicher eine Rückfahrmöglichkeit geben. Dachte ich zumindest. Mit dem Zug ging’s durch malerische Berglandschaften nach 'Castelnuovo di Garfagnana', dann mit dem Bus weiter nach Camporgiano. Der Bus hatte Verspätung. „Sempre ritardo“, meinte eine wartende Person – das verstand ich sogar. Als der Bus endlich kam und ich in Camporgiano ausstieg, sprach mich eine ältere Dame an. „Wohin wollen Sie" – „al Centro“, antwortete ich selbstsicher. Sie schaute mich an, als hätte ich „zur Freiheitsstatue“ gesagt. Sie dachte wohl, ich sei verrückt.
„Wohin genau?“, hakte sie nach. „ Al Centro“, wiederholte ich nichtsahnend aber etwas irritiert. Ihr Blick wurde noch verwirrter. Im Nachhinein auch verständlich. Ich muss jetzt noch lachen, wenn ich an die Situation später zurückdenke.
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Unbeirrt marschierte ich also los – voller Entschlossenheit ins Zentrum. Kam an zwei Lebensmittelläden vorbei, dann tauchte sie auf: die Burg Rocca degli Estensi. Gross. Alt. Geschlossen. Eine Auberge. Privat. Und das war’s dann auch.
Langsam dämmerte es mir. In Camporgiano gibt’s gar kein Zentrum. Kein Centro storico, kein lauschiges Plätzchen oder eine Flaniermeile. Und plötzlich ergab auch der Gesichtsausdruck der Dame Sinn. Es war, als würde man in 'Etzwilen' aussteigen und fragen, wo die grosse Altstadt mit Sehenswürdigkeiten sei.
Zugegebenermassen hätte ich da besser recherchieren müssen, aber es war einer der Insidertips von Alex, dem Tourguide aus Florenz, da habe ich mich ganz darauf verlassen, vielleicht etwas zu gutgläubig.
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Zurück zur Zivilisation
Nun, von solchen Fails lässt man sich ja nicht beirren. Camporgiano hatte ja immerhin einen Bahnhof, dachte ich mir. Dann fahr ich halt einfach wieder zurück. Denkste. Der Bahnhof - komplett verlassen. Züge fahren irgendwie alle drei Stunden, wenn überhaupt. Und der Bus, der fährt anscheinend einmal am Tag – und zwar war das der, mit dem ich gekommen war.
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Ich sprach also einen Herrn an, ob er mich vielleicht nach Castelnuovo zurückbringen könne. Er meinte, er fahre nur nach Poggio. Besser als das verlassene Camporgiano, dachte ich und nahm dankbar an. Die Fahrt war kurzweilig. Mit Händen, Füssen, meiner Übersetzungsapp und wildem Gestikulieren unterhielten wir uns über meine Reise und meine Erlebnisse. Er lachte als ich von Alex' Geheimtip erzählte. „Was will man denn in Camporgiano?“, meinte er und zuckte mit den Achseln.
Ich war so vertieft in die Unterhaltung, dass ich gar nicht realisierte, dass er längst nicht in Richtung Poggio, sondern nach Castelnuovo unterwegs war. Er brachte mich extra direkt zum Bahnhof in Castelnuovo. Ich kenne nicht einmal den Namen dieses charmanten Herrn. Für mich bleibt er einfach Mr. Gentleman. Solche guten Taten sind einfach schön. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viel Leid und schlechte Menschen es gibt und wie viel in dieser Welt schiefläuft. Da geht einem direkt das Herz auf.
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Lucca bei Nacht – und Planänderung
Ich sprang direkt in den Zug zurück nach Lucca. Was für ein Tag! Angekommen in Lucca erwartete mich eine einzigartige Stimmung mit den beleuchteten Mauern. Durch das Festival war die die Stadt innerhalb der Mauern besonders lebendig. Ich gönnte mir noch ein Abendessen und schmunzelte über mein Abenteuer.
Ursprünglich wollte ich abends noch zurück nach Roccastrada. Aber es war spät, ich war müde, und noch eine so lange Autofahrt quer durch die Toskana war mir dann doch zu riskant. Kurzerhand buchte ich eine Übernachtung in Gambassi Terme und machte mich auf den Weg, um dort zu übernachten. Morgen werde ich mich dann auf den Rückweg nach Roccastrada machen.
Uff, das war ein Tag - und Camporgiano mit seinem 'Centro', eine Geschichte, die unvergesslich bleibt:-)
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