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9. Juli 2025 - Pistoia / Vinci / Pisa

Pistoia, Vinci, Pisa – und der Charme des Unerwarteten

Eigentlich war heute alles durchgetaktet. Pistoia am Morgen, dann Vinci mit seinen drei Museen und dem Geburtshaus Leonardos, zum Abschluss ein Abstecher mit dem Zug von Lucca nach Camporgiano. So der Plan – doch wie so oft kam es anders.

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Der Tag begann vielversprechend. Ich fuhr ganz entspannt mit dem Auto nach Pistoia und fand – man staune – einen ruhigen Parkplatz mit zahlreichen freien Feldern. Noch angeschnallt, überflog ich im Kopf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, checkte auf dem Handy den Weg zur Kathedrale. 1,5 Kilometer zu Fuss. Aber wer kennt es nicht, der ewige Drang, das Optimum herauszuholen. „Da gibt’s doch sicher einen besseren Parkplatz direkt im Zentrum“, dachte ich mir und startete das Auto erneut. Ein Entschluss, der sich schneller rächen sollte als gedacht.

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Vom Parkplatz-Glück ins Marktgetümmel

Denn kaum war ich im Zentrum angelangt, war es mit der Idylle vorbei – Verkehrschaos, Hupkonzerte, Autos aus allen Richtungen, kurzum das pure Pistoianische Parkpanorama. Im Rückblick hätte ich mir auf meinem ersten Parkplatz ganz in Ruhe einen Kaffee machen und auf einem weichen Moosteppich meditieren können und die 1.5 km wären ein Klacks gewesen. Stattdessen fuhr ich nun im Slalom durch enge Gassen, die eher für Vespas als für Fahrzeuge mit Seitenspiegel gemacht sind.

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Plötzlich: entdeckte ich ein paar Marktstände! „Aha, deswegen das Chaos“, dachte ich. Doch weit gefehlt – das war kein kleiner Wochenmarkt, das war DER Markt. Ein gigantischer Markt. Glück im Unglück: Mit meiner kleinen Macchina passte ich gerade so in eine enge Lücke, die wohl für reguläre Autos unzugänglich geblieben wäre. Hineingezirkelt, tief durchgeatmet und beschlossen, das war vielleicht doch keine so schlechte Idee, näher dran zu parken.

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Natürlich konnte ich dem Markt nicht widerstehen – einmal durchschlendern musste sein. Doch später erinnerte mich ein Blick auf die Uhr an meinen Zeitplan, Sehenswürdigkeiten anschauen, dann weiter nach Vinci. Also Kathedrale, Piazza, ein paar schöne Ecken mitgenommen – und dann ab ins nächste Dorf der Genialität.

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In Vinci angekommen, erwartete mich das volle Leonardo-Programm. Drei Museen, das Castello und – sehr spannend – eine Ausstellung seiner malerischen Werke, darunter natürlich auch die Mona Lisa und The Last Supper. Letzteres hat mich besonders beeindruckt – diese Mimik, diese Gestik, Leonardo war wirklich ein Mann mit unverschämt vielen Talenten (ja, Talente – Begabungen klingt irgendwie zu brav).

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Vinci selbst ist winzig, aber charmant. Das Castello liegt malerisch und lädt mit seinem kleinen Restaurant zum Verweilen ein. Der Turm war übrigens begehbar – über diverse Stufen. Neben mir murmelte ein deutsches Ehepaar: „Also die Aussichtsplattform machen wir jetzt nicht, ne.“ Ich hingegen war da schon bei Stufe vier – schwungvoll, noch voller Motivation. Oben angekommen, hatte ich dann das Bedürfnis, mich flach auf den Boden zu legen – einfach nur aus Prinzip. Bänke? Fehlanzeige. Aber: Der Ausblick! Der Himmel wie gemalt, die Hügel wie aus einer Postkarte, und die Wolken wie Zuckerwatte. Ich liebe solche Aussichtsplattformen – auch wenn ich jedes Mal keuchend, nach Luft ringend, hochlaufe.

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Nach dem dritten Museum ging’s zum krönenden Abschluss noch zum Geburtshaus Leonardos. Die Fahrt dorthin war ein kleines Erlebnis für sich. Olivenbäume, soweit das Auge reicht, eine Allee, die wie gemalt die Strasse säumte – Toskana-Postkartenfeeling deluxe.

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Flexibel durchs Leben, barfuss vom Turm

Nach der Fahrt nach Lucca dann von da aus der Wechsel auf die Schiene – nächster Halt Camporgiano, Ich hatte direkt am Bahnhof einen Parkplatz ergattert (was heute ja keine Selbstverständlichkeit war) und ging zum Ticketschalter. Auf meine Frage nach dem letzten Zug zurück nach Lucca machte der Bahnangestellte eine klare Scheibenwischer-Geste mit dem Zeigefinger. Zu spät. Hin käme ich noch – aber zurück leider nicht mehr.

Also Plan B: „Wie sieht’s mit Pisa aus?“ – „Geht“, meinte er. Zack, schon hielt ich das Ticket in der Hand. Flexibilität macht das Leben eben leicht(er).

Die Fahrt nach Pisa war kurz, aber die 25 Minuten Fussweg (laut Routenplaner) vom Hauptbahnhof zum Schiefen Turm zogen sich – bei meinen Beinen fühlte es sich an wie ein Pilgermarsch. Vielleicht lag’s an den Vortagen, vielleicht an den 1'200 Stufen heute – jedenfalls dauerte mein Weg eher 45 Minuten. Aber ich genoss ihn. Pisa hat mich wirklich überrascht, viele nette Cafés, kleine Läden, eine schöne Atmosphäre. Ich war total im Flow.

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Als ich den Schiefen Turm erreichte, war es schon spät. Doch ich hatte Glück, mein Zeitfenster für den Aufstieg war in fünf Minuten – perfekt! Also rein in die kleine Warteschlange, die ein bisschen an einen sehr schrägen Eiffelturm erinnerte, und los ging’s. Der Aufstieg war… sagen wir mal: sportlich. Jeder Muskel meldete sich. Aber Aufgeben war keine Option – oben wartete ja die Belohnung, ein atemberaubender Blick und – Halleluja – Bänke! Der Abstieg hingegen war fast gefährlicher als der Aufstieg. Die glattpolierten Stufen erinnerten eher an Eisbahnen. In weiser Voraussicht zog ich meine Sandaletten aus und lief barfuss hinunter. Barfuss runter – leichtfüssig wie ein Capri-Mädchen.

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Unten angekommen, gönnte ich mir endlich ein Abendessen – mit Blick auf den Schiefen Turm, bei lauer Sommerluft. Ich genoss die Stimmung, den Blick, das Leben. Und vergass die Zeit. Um 21.15 Uhr stellte ich erschrocken fest, dass mein Zug um 21.25 fährt. Der Bahnhof? Die Station San Rossore, Keine Ahnung wo die war. Ich sprintete los – oder etwas, das man mit sehr viel Wohlwollen als Sprint bezeichnen könnte – zwischen Schmerz, Stolz und starker innerer Überzeugung.

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Ein Fahrgast stellte zum Glück noch schnell seinen Fuss in die sich schliessende Tür, damit ich noch in letzter Sekunde auf den Zug aufspringen konnte. Geschafft. Was für ein Tag. Später fuhr ich noch nach Castelvecchio – nur 13 Kilometer entfernt. Meine heutige Unterkunft ist in echtes Unikat. Ich vermute stark, der Besitzer liebt Wein mehr als Menschen. Hier bleibe ich jedoch nur eine Nacht – aber die werde ich schlafen wie ein Stein. Ein glücklicher Stein.

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