19. Juli 2025 - Sinalunga
L’Incantaborgo Sinalunga – Magie auf Stelzen und Flucht
bei Nieselregen
Heute stand eigentlich eine Bootstour entlang der Cala Violina auf dem Programm. Der Wecker klingelte, ich war startklar – geistig schon barfuss an Deck. Doch dann: Pling. Eine E-Mail. Die Tour wurde wegen technical issues abgesagt. Kurz überkam mich eine grosse Enttäuschung. Aber nur kurz. Denn mein Kopf, offensichtlich mit stark visueller Fantasie ausgestattet, servierte mir sofort ein passendes Bild. Ich im irgendwo mitten auf dem Meer, die Sonne brennt, der Motor macht keinen Mucks, der Skipper zuckt mit den Schultern. Dann irgendwie doch lieber ein technisches Problem vor dem Ausflug.
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Also auf zu Plan B. Abends stand ja sowieso das Fest in Sinalunga an. Und tagsüber? Strand war keine Option – zu voll, am Wochenende zu stressig, zu viel Parkplatzroulette. Ich beschloss, mein Abreise-Pflichtprogramm vorzuziehen. Abfall entsorgen, einkaufen, packen, an der beruflichen Zukunft feilen. Zwischen Einkäufen und Motivationsschub verging die Zeit im Flug – plötzlich war es Abend. Das Fest wollte ich mir trotzdem nicht entgehen lassen. Also rein ins Auto und ab nach Sinalunga.
Von technischen Pannen, Parkplatz-Glück und leuchtenden Stelzenwesen
Dort – Überraschung! – das übliche Parkplatzchaos. Klar, wer kommt auch zu einem Fest, wenn’s schon im vollen Gange ist. Diesmal wählte ich eine neue Taktik: Warten. Statt frustriert Runden zu drehen, postierte ich mich an einer strategisch vielversprechenden Stelle. Um mich herum kreisten andere Parkplatzsucher wie Geier. Ich dachte, wenn jetzt einer rausfährt und ich an der falschen Ecke warte, steh ich da wie der Depp vom Dienst. Doch Fortuna meinte es gut. Genau das Auto neben mir fuhr weg. Die Kinder mit Luftballons und Zuckerstange in der Hand, ich erleichtert und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Geduld ist eben doch eine Tugend. Auch wenn sie wohl nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört.
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Auf dem Festplatz angekommen, musste ich mich erstmal orientieren, denn auf dieser Reise habe ich jeweils vorab nicht gross recherchiert. Es wirkte zunächst wie ein kleiner Markt – viele Zelte, fast überall Schmuck, dazwischen Spiele für Gross und Klein. Eine Eisenbahn, Wurfspiele, Dosenwerfen – es herrschte ein lebhaftes, fast familiäres Treiben. Weiter oben gab’s Essstände, Cafeterias im Hochbetrieb, Gelati, Pizza, es roch nach Sommerabend.
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Ich schlenderte weiter – ohne Plan, aber mit gespitzten Sinnen. Und tatsächlich, perfektes Timing. Die nächste Show stand kurz bevor. Dann plötzlich Licht. Bewegung. Ein leises Raunen ging durch die Menge. Und da waren sie – Stelzenläufer mit riesigen, leuchtenden Flügeln. Sie zogen durch die Gassen wie schwebende Wesen aus einer anderen Welt. Ihre Flügel fächerten sich weit auf, funkelten in der Dunkelheit, wippten bei jeder Bewegung.
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Die Flucht vor den den Regentropfen
Kurz darauf startete ein paar Schritte daneben die nächste Showszene. Seilakrobatik, gewürzt mit einer Prise Humor – eine theatralisch inszenierte Seefahrt mit viel Charme und überraschender Leichtigkeit. Ich sass vorne auf dem Boden, mitten unter Kindern, und merkte erst nach einer Weile, wie gebannt ich dem Geschehen folgte. Und dann – Regentropfen. Ganz fein, kaum spürbar. Ich schaute instinktiv nach oben und dachte noch, zum Glück nur Tröpfchen. Doch es ging alles ganz schnell. Die Menschenmenge löste sich schlagartig auf, als hätte jemand den Notfallknopf gedrückt. Innerhalb von Sekunden verschwanden alle unter Dächer, Zelte, Vordächer – was auch immer Schutz bot.
Die Künstler versuchten noch, die Show zu retten, verabschiedeten sich improvisiert, erklärten irgendwas von „Wetter wie in der Schweiz“ – dann war Schluss. Zurück blieb ich. Allein am Boden sitzend, etwas verdutzt und ehrlich gesagt auch ein bisschen traurig. Denn was sind schon ein paar Tropfen? Ich verstand es nicht. Diese beiden Künstler hatten da oben mit Herzblut performt, sicherlich mit intensiver Vorbereitung, mit Mut und Leidenschaft – und dann reicht ein bisschen Nieselregen, und das Publikum macht sich vom Acker? Ich kam mit den beiden Artisten ins Gespräch. Als ich erzählte, dass ich aus der Schweiz bin, meinten sie resigniert: „Die Schweizer wären geblieben. Die Italiener sind da… anders.“ Und sie meinten es liebevoll, aber auch ein bisschen enttäuscht. Ich nickte nur. Ja, sie hatten recht. Und irgendwie tat mir das Ganze leid – für sie. Für ihre Mühe. Für ihre Kunst.
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Zum Glück war es nur ein kurzer 'Tröpfchen-Schauer' und wenig später ging’s weiter mit der ganz grossen Show. Feuerspiele, Tanz auf Stelzen, Luftakrobatik an Tüchern – und all das vor der nächtlichen Kulisse dieses mittelalterlichen Ortes. Grandios. Anders als in Certaldo, Nicht ganz so überwältigend vielleicht, dafür näher. Persönlicher. Zugegebenermassen hat Certaldo mit seiner Mercantia die Messlatte auch ziemlich hoch gelegt.
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Mit all den Eindrücken aus Licht, Feuer, Akrobatik – und der netten kleinen Begegnung mit den Seilartisten – machte ich mich zufrieden auf den Heimweg. Schön war’s.​​






