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20. Juli 2025 - Roccastrada / Scarlino

Roccastrada rockt, Scarlino bebt

Heute fanden gleich zwei Veranstaltungen statt, die ich mir nicht entgehen lassen wollte: das Festa nell’Aia in Roccastrada und das Lichterfest Luci nel Borgo in Scarlino. In Roccastrada gibt es eine Pferdeaufführung – da stand schnell fest, da muss ich hin.

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Laut einer nicht ganz zuverlässigen Informationsquellen sollte die Pferdeshow am Morgen stattfinden. Roccastrada liegt praktisch vor meiner Haustür, also machte ich mich gleich am morgen früh auf den Weg, mit dem Plan mein Frühstück direkt dort einzunehmen. Kurz nach neun auf dem Festplatz angekommen war allerdings das Einzige, was galoppierte,  Männer mit Brettern auf den Schultern. Sofort war klar, hier wird noch aufgebaut. Auf meine Frage hin, wann denn die Pferdeshow beginnt, zuckten sie mit den Schultern: „Am besten bin ich um fünf Uhr da, sicher ist sicher.“ 

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Da Roccastrada gleich bei mir um die Ecke ist, hat mich der Abstecher nicht viel Zeit gekostet, so fuhr ich zurück und beschloss, den Tag ganz entspannt am Capezzolo Beach zu verbringen und am Abend wieder Richtung Festgelände zu gehen. Der neue Plan war 17 bis 19 Uhr das Fest in Roccastrada geniessen und danach direkt weiter nach Scarlino. Alles schön durchgedacht. Passt wunderbar - theoretisch.

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Kein Witz, um Punkt 17 Uhr stand ich natürlich auf der Matte, äh.. ich meine auf dem Festgelände – bereit wie zu einem wichtigen Termin. Wohl geprägt und ein Folge von dieser gewissen Schweizer Pünktlichkeit. Dass ich völlig problemlos einen Parkplatz gefunden hatte – nullo problemo, wie der Italiener vermutlich sagen würde – hatte ich in der Aufregung rund um die Pferdeshow gar nicht bemerkt. Ich musste wirklich lachen denn tatsächlich war ich noch vor den Einsatzkräften dort und stand da, als hätte ich gleich selbst einen Einsatz. ​

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Der Einlass war, wie ich dann erfuhr, erst um 18 Uhr. Und so richtig los ging’s sogar erst um 20 Uhr. Mein perfekt ausgetüftelter Zeitplan konnte ich also direkt wieder einstampfen. Obwohl das Fest offiziell noch gar nicht begonnen hatte, war schon richtig Leben auf dem Platz. Ganz hinten, in einer abgetrennten Ecke, standen die Tiere: Esel, Schafe und ein paar Ochsen mit imposanten Hörnern. Links reihten sich die Marktstände, vorne rauchte bereits der Grill – und mittendrin standen die Oldtimer und auch Traktoren aus den Fünfzigern, liebevoll geputzt, mit viel Stolz präsentiert.

 

Ich blieb natürlich sofort hängen. Jahrgang 1952/53 passte zu meinen Eltern – das konnte ich noch gerade so auf Italienisch sagen. Die Herren vom Traktorenclub waren amüsiert. Ich verstand zwar kaum ein Wort, sie ebenso wenig von mir, aber irgendwie war’s trotzdem ein Gespräch. Wir machten aus Spass eine kleine Fotosession – ich posierte hier und da, und sie freuten sich sichtlich, dass ich so begeistert von ihren Oldtimern war.

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Die Zeit verging wie im Flug – und das nicht nur wegen meiner neu gewonnenen Freunde im Traktoren- und Oldtimersektor. Auf dem Platz war richtig was los. Nebenan wurden Schafe geschoren, Maschinen mahlten irgendetwas – vermutlich Gerste oder Stroh, ich hab’s nicht ganz rausgefunden – und es duftete bereits verführerisch nach Grillgut. Langsam füllten sich die Strohballen-Ränge, die Essensstände waren bereit für den grossen Ansturm. 

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Die Atmosphäre erinnerte an ein echtes, traditionelles Dorffest – voller Leben, voller Eindrücke. Eine Musikgruppe spielte zur Handorgel, Kinder liefen herum, Menschen plauderten, lachten, tranken. Ich genoss die Stimmung in vollen Zügen und testete mich systematisch durch das kulinarische Angebot. Ja, aber wo sind denn eigentlich die Pferde? Später, später. Jetzt wird erstmal richtig gegessen, meinte der charmante Organisator und informierte mich über den Zeitablauf. 

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In der späten Abenddämmerung plötzlich dröhnende Motorengeräusche. Die Traktoren fuhren zur Parade auf, die sich sehen lassen konnte. Es klopfte, tätschte, schepperte und röhrte – ein wilder Mix aus Dieselgeruch, mechanischem Geklapper und einer ordentlichen Portion Nostalgie. Die alten Fahrzeuge drehten ihre Runden im Gelände, während ihre Besitzer sie mit sichtbarer Freude und Herzlichkeit präsentierten. Ein bisschen wie ein Oldtimertreffen – nur eben mit Grillduft und Strohhut.

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Wenn das Gras verlockender ist als der Applaus

Auf dem Platz daneben lief bereits das Warm-Up der Pferdetruppe. Sie bereiteten sich auf die Show vor, während sich die Traktorenmotoren auf der anderen Seite lautstark bemerkbar machten – sehr zur Unfreude mancher Pferde, die wenig begeistert wirkten von dem Geknatter. Inzwischen war es zehn Uhr, und mit der Dunkelheit bekam das ganze Fest eine nochmals andere, besondere Atmosphäre. Wie ein grosses Familienfest – vertraut, lebendig, warm.

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Die Pferdeshow war eine bunte Mischung aus Quadrille, Rindertreiben, Dressur und Freiheitsarbeit. Wundervoll waren sie anzusehen - die eleganten, dunklen Pferde, Kinder in Hemden und Hosenröcken. Besonders eindrücklich war die Freiheitsdressur – das Spiel mit einer ganzen Herde, ohne Zaumzeug, ohne Sattel. Ein Tanz zwischen Vertrauen und feiner Kommunikation.

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Es lief nicht alles nach Plan. Vor allem ein Pferd hatte an diesem Abend nur Augen für das saftige, grüne Gras – das übrigens erstaunlich satt war für die Toskana. Nirgendwo sonst auf meiner Reise habe ich so grüne Weiden gesehen wie genau hier, mitten auf dem Schauplatz. Und genau dieses grüne Paradies schien für das eine Pferd deutlich interessanter als der Auftritt. Es verweigerte sich den Kommandos seines Menschen mit stoischer Gelassenheit. Vielleicht schwebte es einfach auf Wolke sieben – Graswolke sieben.

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Der Pferdeflüsterer – ja, so möchte ich ihn nennen – blieb ruhig. Auch wenn man als Pferdemensch spürte, wie sehr ihn das innerlich gewurmt haben muss. Aber er liess sich nichts anmerken und improvisierte tapfer. Und das, obwohl er da vor einer ganzen Herde stand, ganz ohne Hilfsmittel. In solchen Momenten ist man da eigentlich ziemlich machtlos, wenn das Pferd nicht will. Es war spannend zu beobachten, wie er damit umging. Kein Ärger, kein Zwang – nur Präsenz, Erfahrung und ein bisschen Improvisation.

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Und genau das hat mich bewegt. Nicht die perfekte Nummer. Sondern der Umgang mit der kleinen Panne. Denn das Leben läuft eben nicht immer nach Drehbuch. Man kann trainieren, proben, planen – und dann kommt ein Regenschauer. Oder ein Pferd hat nur noch Fressen im Kopf. Es sind diese Momente, in denen sich zeigt, wie man reagiert, wie man mit dem Unplanbaren umgeht. Auf der Bühne, im Sattel – und im Leben. Vielleicht ist es genau das, was mich an all diesen Festen und Shows so fasziniert. Diese Mischung aus Kunst und Kontrolle, Herzblut und Handwerk. Und die ständige Bereitschaft, sich neu einzustellen, wenn etwas anders läuft als gedacht.

 

Man muss nicht einmal vom Fach sein, um zu erkennen, wie viel Arbeit, Zeit und Vertrauen in einer solchen Vorführung steckt. Aber wer sich mit Tieren auskennt, spürt die vielen stillen Stunden dahinter – die Geduld, das Training, das Miteinander. Das ganze Fest war einfach grandios. Wie ein grosses Dorf, das zusammen feiert. Der Organisator strahlte über beide Ohren, als er hörte, dass auch die Schweiz (also ich) vertreten war. So sehr, dass er gleich eine Lautsprecherdurchsage machte und mir seine Visitenkarte zusteckte. Diese Herzlichkeit war ansteckend. Roccastrada hat an diesem Abend gezeigt, dass es sie noch gibt – die kleinen, echten Orte, an denen die Welt einfach noch in Ordnung ist.

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Zum Abschluss wurden noch zwei Ochsen mit riesigen Hörnern vor einen Wagen gespannt – eindrückliche Tiere. Eine letzte Ehrenrunde. Aber ich hatte ja noch Plan B: Luci nel Borgo in Scarlino. Mittlerweile war es bereits nach 23 Uhr. Ob es sich wohl noch lohnt? Ich beschloss jetzt oder nie. Im schlimmsten Fall war das Lichterfest bereits vorbei. Dann hätte ich wenigstens die Burg im Mondlicht gesehen. Also fuhr ich los.

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Licht in den Gassen, Beats in der Burg – Scarlino tanzt durch die Nacht​

Und wow – von Weitem sah man schon die riesigen Scheinwerfer, die wie Leuchttürme in den Himmel strahlten. Die Gassen von Scarlino waren mit Kerzen und Lichtern geschmückt – ein zauberhafter Anblick. Ich folgte den Lichtern, spazierte durch die schmalen Gassen und landete schliesslich wieder auf dem Burghügel – und mitten in einer völlig anderen Welt. Drinnen Partystimmung pur. Die alten Mauern leuchteten abwechselnd in Violett, Blau, Rot – die Farben tanzten zur Musik. Karaoke, Lichtershow, Bühnenaction. Das Team rund um den DJ gab Vollgas, das Publikum machte mit – ob freiwillig oder nicht, war irgendwann egal. Wer da war, war Teil der Choreografie.

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Was für ein Kontrastprogramm. Vom entschleunigten, herzerwärmenden Dorffest in Roccastrada zum leuchtenden Partykessel in Scarlino – beide auf ihre Weise einzigartig. Wenn die Italiener eines können, dann ist es feiern. Mit Herz, mit Charme, mit allem, was dazugehört. 

 

Gegen halb drei fiel ich glücklich und voller Eindrücke ins Bett und ertappte mich schmunzelnd dabei, wie ich einmal mehr sagte: „Was für ein Tag!"​

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Bildergalerie zu Festa nell'Aia

Bildergalerie zu Luci a Scarlino

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