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16. Juli 2025 - Certaldo

Mercantia – das Festival, das die Nacht in Certaldo verzaubert

Heute stand Mercantia auf dem Programm – das Strassenkunstfestival in Certaldo, von dem man viel hört, aber eigentlich erst versteht, wenn man mitten drinsteht. Ich fuhr bereits mittags ins Städtchen, gönnte mir ein gemütliches Mittagessen und erkundete danach das mittelalterliche Certaldo Alto. Ein Ort wie aus einer anderen Zeit – komplett aus roten Ziegeln gebaut, charmant, still, fast etwas verschlafen. Dass sich hier wenige Stunden später ein Spektakel abspielen würde, das man so schnell nicht vergisst, war kaum zu glauben.

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Ich kaufte mir ein Kombiticket für den Palazzo Pretorio, das Wohnhaus von Boccaccio und das Museum für sakrale Kunst – inklusive Turmbesteigung, versteht sich. Danach liess ich mich im Garten des Palazzo in einen dieser königlich anmutenden Sessel sinken. Ein stiller Moment im Schatten, mit Buch und leichtem Lüftchen – die Ruhe vor dem Sturm, wie sich später herausstellen sollte.

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Die Ruhe vor dem Sturm

Die Aufbauarbeiten liefen noch auf Hochtouren. Marktstände wurden dekoriert, Girlanden gespannt, Technik installiert. Die Dame im Tourismusbüro hatte gesagt ab 18 Uhr geht’s los. Aber selbst um 19 Uhr wirkte alles noch verdächtig ruhig. Ich überlegte schon, ob ich mir für den Abend ein Alternativprogramm raussuchen sollte. Certaldo ist hübsch, keine Frage – aber irgendwann hat man’s eben dann doch gesehen.

 

Und dann, plötzlich kam die Musik. Wie aus dem Nichts marschierte eine kunterbunte Truppe ein. Blasinstrumente, Saxophone, Trommeln – ein ganzes Orchester, das nicht nur musikalisch brillierte, sondern auch mit Humor und Showeinlagen das Publikum zum Lachen und Mitraten brachte. Bekannte Melodien wurden parodiert, Lieder erraten, und plötzlich war er da, der erste Gänsehautmoment. Die Menge strömte auf den Piazza – Mercantia war erwacht.

 

Ab diesem Moment explodierte das Städtchen förmlich. Gassen, die eben noch leer waren, füllten sich mit Leben. Aus jeder Ecke erklang Musik, ertönten Stimmen, leuchteten Farben. Artisten auf Stelzen zogen wie überdimensionale Wesen durch die Menge, Komiker sorgten für spontanes Gelächter, Tänzer wirbelten durch die Nacht. Es gab Akrobatik in der Luft, kleine Theaterstücke in Innenhöfen, leuchtende Wesen auf den Dächern – ein einziges, lebendiges Gesamtkunstwerk.

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Zwischen Stelzenwesen, Saxophonklängen und Staunen

Mein ganz persönliches Highlight waren die Vogelmenschen. Riesige Gestalten, mit federartigen Lichtkörpern, geführt von Stelzenläufern, bewegten sich wie in Zeitlupe durch die Gassen. Sie leuchteten, sie vibrierten, sie wirkten wie Wesen aus einer anderen Welt – friedlich, fast magisch. Ihre Bewegungen waren so präzise und anmutig, als wären sie ferngesteuert. Die Menschen verstummten, wenn sie vorbeizogen. Es war hypnotisierend.

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Egal, wo man hinsah – man wollte überall gleichzeitig sein. Auf der einen Piazza spielte ein Saxophon-Ensemble melancholische Jazzklänge, im nächsten Garten schwebten Luftakrobaten durch die Dunkelheit, in der Gasse dazwischen überraschte ein komödiantisches Mini-Theater mit absurden Szenen. Und rundherum Essensstände, Kunsthandwerk, Gespräche in allen Sprachen, Lachen, Staunen, Applaus.

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Auch Schweizer Künstler:innen waren mit dabei – die Vielfalt war grenzenlos. Mercantia ist kein normales Festival. Es ist ein Rausch. Ein Wirbel aus Klang, Licht und Bewegung. Man vergisst die Zeit, verliert sich zwischen zwei Strassenecken – und taucht mit jedem Schritt in eine neue Welt ein.

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Gegen Mitternacht machte ich euphorisiert und tief beindruckt auf den Rückweg. Was für ein Tag voller Magie. Mercantia, das Festival und ein Abend, den ich nie vergessen werde.

Bildergalerie zu Certaldo vor dem Festival

Bildergalerie zum Festival in Certaldo

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